Samstag, 11. Februar 2012

Der soziale Zwiespalt

Morgens:
Ich stehe um 11 Uhr auf, küsse meine Freundin und schließe erneut die Augen.
Wir gehen runter, setzen uns an den gedeckten Tisch an dem ebenfalls ihre Eltern sitzen. Der Vater liest, die Mutter erkundigt sich im Internet nach einem neuen Wok, im Hintergrund läuft leise Radio Duisburg.
Ich lasse mir Zeit, esse zwei Brötchen und atme tief durch.

Ich verlasse das Ein-Familienhaus, laufe die saubere Straße entlang, durch die Siedlung, in der ebenfalls nur Ein-Familienhäuser stehen. Ein Nachbar grüßt mich, höflich grüße ich zurück. Gehe an einem Acker vorbei, hin zu einer Allee in der ich einer Familie mit Hund begegne. Geduldig warte ich auf die U79, die mich Richtung Norden bringt.

Abends:
23 Uhr, ich stehe vor dem Haus. sehe mich als erstes um. Fast leere Straße, 3 Personen ca. 30 Meter entfernt. Schätze sie ein, kenne ich sie, körperlicher Zustand, Geschlecht. Konfrontationspotenzial. Keine unmittelbare Bedrohung, angespannt verlasse ich den Bereich vor meiner Haustür, will zu C. maximal 300 Meter entfernt.
Eine Zigarettenlänge entfernt, immer auf der Hut. Meine Miene ist abweisend, begegne jeder Person skeptisch. Beachte die dreckige Straße gar nicht mehr, der leer stehende Imbiss ist Normalität. Gehe am Parkplatz vor der Turnhalle vorbei auf dem sich mittlerweile oft die Jugendlichen aus der Gegend treffen, beschleunige dabei meinen Schritt. Komme vor dem Mehrfamilienhaus in dem C. wohnt an, drücke die Zigarette mit dem Fuß auf dem Boden aus und betrete das Haus.

1 Uhr, gehe mit C. wieder zu mir um den Abend mit einer Shisha ausklingen zu lassen. Aus einem vierstöckigen Haus aus dem Weg brüllt uns eine Stimme hinterher "Was macht ihr da ihr Hurensöhne?! Verpisst euch da!" Unsere Blicke wandern emotionslos  zum Fenster, Adrenalin durchströmt meinen Körper. Wir gehen ohne Reaktion weiter, sehen und noch ab und zu um ob der Typ auf die Idee kam uns zu folgen.
                                                                                                                                                                     

Die selbe Stadt, und dennoch mache ich einen Spagat der Gefühle, Einstellung und des Auftretens. Ein plötzliches Umschwenken von einer Seite meines Charakters zur Anderen. Meine Herausforderung jede Woche, beim Überqueren der Grenze zwischen dem Norden, Duisburg-Fahrn, da wo ich aufgewachsen bin und wohne. Die Straßen in denen ich schwerer atme, jederzeit aufmerksam bin und wo nur die harte Fassade gewaltsame Konflikte vermeidet. Wo ich als Repräsentant der Mittelschicht zwischen der Unterschicht heraussteche und wo Abitur machen zur Seltenheit gehört.
Und dem Süden, Duisburg-Buchholz, der Heimat meiner Freundin. Die Gegend wo man Türen nicht zwangsläufig abschließt, das Beisammensein zum Abendessen genießt und das gut bürgerliche Leben lebt mit Frau, Kindern und Hund. In der man die Nachbarschaft grüßt und zwei Autos, wahlweise in schwarz und silbern fährt.

Auf beiden Seiten wird eine Fassade gewahrt, aber auf komplett unterschiedliche Weise. Ich glaube (befürchte) es erlernt zu haben, auf dem Weg vom Norden in den Süden, und andersherum, die Masken wechseln zu können. Mich an die Gegebenheiten anpassen zu können und mein Verhalten zu kontrollieren. Dieses Wechseln ist wichtig, tut man es nicht, sticht man direkt heraus. Im einen Fall führt das zu abschätzigen, verurteilenden Blicken, im anderen Fall zu einer Schlägerei.

Ich weiß nicht wie sehr mich dieses Leben beeinflusst, doch bei folgenden Fragen hilft es mir garantiert nicht weiter:

Wo gehöre ich hin?
Wer bin ich wirklich

2 Kommentare:

  1. Auch wenn es deinem Beitrag nicht wirklich gerecht wird, muss ich zwangsläufig an "Alemania" von Farid Bang denken. Denn die Kontraste, die uns bzw. dir ja begegnen, sind wirklich immens. Und das alles, in einer Stadt.

    Freud und Leid liegen eben doch sehr dich beieinander!

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  2. Wo gehörst du hin?

    " Heimat ist garnicht so örtlich, wie ist da wo dein hHerz ist. " F.R.

    Mit den besten Grüßen, das Lyrische Ich

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